Schuldgefühle bei Angehörigen von Rollstuhlfahrern – Wenn „stark sein“ plötzlich zur Daueraufgabe wird
Schuldgefühle bei Angehörigen von Rollstuhlfahrern sind ein häufiges, aber selten offen ausgesprochenes Thema. Viele Partner, Freunde und Familienmitglieder glauben, sie dürften sich nicht beschweren, müssten immer stark sein und hätten kein Recht auf eigene Überforderung. Doch genau diese Gedanken führen oft zu emotionaler Selbstverleugnung – und langfristig zu zusätzlichem Druck.
Der heimliche Satz im Kopf: „Ich darf mich nicht beschweren.“
Willkommen im Gedankenkarussell.
Da sitzt er. Der kleine innere Kommentator.
Er sagt Dinge wie:
- „Ich muss stark sein.“
- „Andere haben es schlimmer.“
- „Mir geht es doch noch gut.“
- „Ich darf jetzt keine Schwäche zeigen.“
Klingt erstmal ehrenhaft.
Ist aber auf Dauer ungefähr so gesund wie ein Rollstuhl mit angezogener Bremse auf einer Steigung.
Viele Angehörige stellen ihre eigenen Gefühle hinten an. Ganz weit hinten. Irgendwo zwischen „Ich räume später auf“ und „Ich kümmere mich irgendwann um mich selbst“.
Spoiler: Irgendwann kommt selten.
Stark sein ist kein Dauerzustand
„Ich muss stark sein.“
Ja. Manchmal schon.
Aber dauerhaft?
Selbst Superhelden haben Pausen. Und Snacks.
Stark sein bedeutet nicht:
- niemals traurig sein
- niemals genervt sein
- niemals überfordert sein
- niemals denken „Boah, das ist gerade echt viel.“
Stark sein bedeutet:
trotz allem weitergehen.
Und manchmal bedeutet es auch:
zugeben, dass es gerade schwer ist.
Das perfide an Schuldgefühlen
Schuldgefühle tarnen sich gerne als Moral.
Sie flüstern:
„Du hast doch kein Recht, dich schlecht zu fühlen.“
„Er sitzt im Rollstuhl – nicht du.“
„Reiß dich zusammen.“
Und genau hier beginnt die emotionale Selbstverleugnung.
Man schluckt Ärger runter.
Man lächelt, obwohl man innerlich müde ist.
Man relativiert alles.
Und irgendwann merkt man:
Ich fühle gar nichts mehr richtig.
Nicht, weil man gefühllos geworden ist.
Sondern weil man sich selbst verboten hat, ehrlich zu fühlen.
Zwei Wahrheiten dürfen gleichzeitig existieren
Das ist der wichtigste Satz:
👉 Es darf ihm schlecht gehen.
👉 Und es darf dir auch schwerfallen.
Beides gleichzeitig.
Das eine hebt das andere nicht auf.
Du kannst mitfühlend sein.
Und trotzdem erschöpft.
Du kannst unterstützen.
Und trotzdem Grenzen brauchen.
Du kannst stark sein.
Und trotzdem mal sagen: „Heute nicht.“
Schuldgefühle sind normal – kein Beweis für Versagen
Gerade in der Anfangsphase nach einer Erkrankung oder einem Unfall stehen viele Angehörige unter Dauerstrom.
Neue Routinen.
Neue Verantwortung.
Neue Rollenverteilung.
Neue Unsicherheit.
Dass da Gedanken wie „Ich darf mich nicht beschweren“ auftauchen, ist völlig normal.
Das bedeutet nicht, dass du egoistisch bist.
Es bedeutet, dass du ein Mensch bist.
Mit Gefühlen.
Mit Grenzen.
Mit einem Nervensystem, das irgendwann sagt: „Kollege, Pause.“
Selbstfürsorge ist kein Verrat
Sich um sich selbst zu kümmern heißt nicht:
❌ „Ich lasse dich allein.“
❌ „Ich nehme mich wichtiger.“
❌ „Ich bin schwach.“
Es heißt:
✔ „Ich möchte langfristig stabil bleiben.“
✔ „Ich will nicht ausbrennen.“
✔ „Ich will ehrlich bleiben.“
Ein Angehöriger, der seine Gefühle kennt, ist langfristig eine größere Hilfe als jemand, der sie jahrelang wegdrückt.
Und jetzt mal ganz ehrlich
Wenn du dir selbst keine Beschwerden erlaubst, passiert Folgendes:
- Die Gefühle verschwinden nicht.
- Sie stapeln sich.
- Und irgendwann melden sie sich laut zurück.
Meist zu einem Zeitpunkt, der richtig unpraktisch ist.
Deshalb ist es keine Schwäche, früh hinzuschauen.
Es ist klug.
Fazit: Stark sein heißt nicht, sich selbst zu vergessen
Schuldgefühle bei Angehörigen sind kein Zeichen von Undankbarkeit.
Sie sind ein Zeichen von Überforderung, Loyalität, Liebe – und manchmal von zu hohen Ansprüchen an sich selbst.
Du darfst:
- traurig sein
- überfordert sein
- genervt sein
- erschöpft sein
Und trotzdem ein guter Partner, Freund oder Sohn bleiben.
Stark sein heißt nicht, alles alleine zu tragen.
Stark sein heißt, ehrlich zu bleiben.
Auch mit sich selbst.
Kleines FAQ – Schuldgefühle bei Angehörigen von Rollstuhlfahrern
❓Sind Schuldgefühle als Angehöriger normal?
Ja. Absolut.
Gerade in der Anfangsphase nach Krankheit oder Unfall stehen viele Angehörige unter enormem emotionalem Druck. Gedanken wie „Ich darf mich nicht beschweren“ oder „Ich muss stark sein“ sind häufig – und menschlich. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung und Mitgefühl.
❓Warum habe ich Schuldgefühle, obwohl ich gar nichts falsch mache?
Weil dein Kopf versucht, fair zu sein.
Wenn jemand im Rollstuhl sitzt, wirkt das eigene Leid plötzlich „kleiner“. Also verbietet man sich, es ernst zu nehmen. Das Problem: Gefühle funktionieren nicht nach Vergleichstabellen. Sie sind da – ob man sie erlaubt oder nicht.
❓Darf ich mich über meine Situation beschweren?
Ja. Beschweren heißt nicht, undankbar zu sein. Es heißt, ehrlich zu sein. Du darfst überfordert, müde oder genervt sein – ohne dass das die Situation des anderen abwertet. Zwei Wahrheiten dürfen gleichzeitig existieren.
❓Was passiert, wenn ich meine Gefühle dauerhaft unterdrücke?
Kurzfristig wirkt es stark.
Langfristig kann es zu innerer Erschöpfung, Reizbarkeit, emotionaler Distanz oder sogar Burnout führen. Gefühle verschwinden nicht – sie verschieben sich nur. Meistens in einen ungünstigen Moment.
❓Wie kann ich mit Schuldgefühlen besser umgehen?
Ein paar erste Schritte:
- Gefühle bewusst wahrnehmen, statt sie sofort zu bewerten
- Sich erlauben, ambivalente Emotionen zu haben
- Mit vertrauten Personen offen sprechen
- Kleine, regelmäßige Auszeiten einplanen
Bei anhaltender Überforderung professionelle Unterstützung in Betracht ziehen
Schuldgefühle verlieren an Macht, wenn man sie anspricht.
❓Bedeutet Selbstfürsorge, dass ich egoistisch bin?
Nein. Selbstfürsorge ist keine Konkurrenz zur Fürsorge für andere. Wer langfristig unterstützen möchte, braucht eigene Stabilität. Ein erschöpfter Angehöriger hilft niemandem – auch sich selbst nicht.