Reaktanz im Rollstuhl: „Jetzt erst recht!“ – Wenn Widerstand ein Schutzmechanismus ist


Reaktanz beschreibt den inneren Widerstand, der entsteht, wenn wir das Gefühl haben, unsere Freiheit oder Selbstbestimmung wird eingeschränkt. Gerade für Menschen, die neu im Rollstuhl sind, kann dieses Gefühl besonders stark sein. Aussagen wie „Jetzt erst recht!“, übertriebene Selbstständigkeit oder die konsequente Ablehnung von Hilfe sind typische Reaktionen. In diesem Artikel erfährst du, warum Reaktanz im Rollstuhl-Alltag ganz normal ist, was dahintersteckt und wie du gesund damit umgehen kannst – ohne dich selbst zu überfordern.


Mein persönlicher Einwurf zur Reaktanz

Ich war in den ersten Jahren meiner Rollstuhlzeit unbesiegbar. Es gab keinen Berg, den ich nicht im manuellen Rollstuhl hochkeuchte, keinen Weg, der mir zu anstrengend war. Alles war eine Herausforderung – und ich wollte sie schaffen. Ein E-Antrieb an meinem Adaptivrollstuhl? Nicht bei mir. Meine Arme schaffen das. 


Allein der Gedanke an einen Motor fühlte sich für mich falsch an, fast wie ein Eingeständnis von Schwäche. Also trainierte ich, wurde kräftiger – und ignorierte konsequent alles, was sich nach „zu viel“ anfühlte.


Dann meldete sich mein Körper. Erst die Handgelenke, später Ellenbogen und Schultern. Anfangs verschwanden die Beschwerden wieder, also machte ich weiter. Rückblickend keine gute Idee. Die Überlastung summierte sich über Jahre. Irgendwann fragte ich doch nach einem E-Antrieb – einem, den ich innerlich akzeptieren konnte. Die Entlastung kam spät, aber sie kam. Ganz verschwunden sind die Probleme nie. Heute ein bisschen zu viel Belastung, und ich bekomme die Quittung.


Bin ich wütend? Nein. Es war meine Entscheidung. Aber ich habe gelernt: Auch wenn man sich gerade unbesiegbar fühlt, sollte man an seine Zukunft denken. Unsere Arme und Schultern sind unser Kapital. Darauf hätte ich früher besser aufpassen sollen.

Lass du es nicht so weit kommen. Passe auf dich auf. Bitte!


Wenn Widerstand eigentlich Schutz ist

Hand aufs Herz:
Wenn plötzlich vieles nicht mehr so funktioniert wie früher, wenn andere ungefragt helfen oder Entscheidungen scheinbar „für dich“ treffen – dann kann das ganz schön triggern.
Reaktanz ist nichts anderes als dein innerer Freiheitskämpfer.
Er meldet sich, wenn du das Gefühl hast:

  • Ich werde bevormundet.
  • Ich verliere Kontrolle.
  • Man traut mir nichts mehr zu.
  • Ich bin nicht mehr selbstbestimmt.

Und dann kommt dieser Gedanke:
„Jetzt erst recht!“



Übertriebene Selbstständigkeit – warum wir uns manchmal selbst beweisen wollen

Viele Menschen im Rollstuhl kennen das:

  • Bloß keine Hilfe annehmen.
  • Schmerzen oder Erschöpfung ignorieren.
  • Alles alleine schaffen wollen.
  • Sich selbst unter Druck setzen.

Das wirkt nach außen stark.
Aber oft steckt dahinter die Angst, abhängig zu wirken.
Diese Phase ist völlig verständlich. Gerade am Anfang nach Krankheit oder Unfall ist das Bedürfnis nach Kontrolle riesig. Selbstständigkeit wird zum Beweis: Ich kann das noch. Ich bin noch ich.


Ablehnung von Hilfe – Stolz oder Selbstschutz?

Wenn jemand ungefragt schiebt oder Dinge übernimmt, kann das wie ein kleiner Stich sein.
Nicht, weil Hilfe grundsätzlich schlecht ist – sondern weil sie manchmal signalisiert:
„Du schaffst das nicht.“
Und genau da setzt Reaktanz an. Dein Inneres sagt:
„Doch. Ich kann das.“
Das Problem: Dauerhafter Widerstand kostet Kraft.
Und Energie ist im Rollstuhl-Alltag sowieso eine wertvolle Ressource.



Der gesunde Mittelweg

Reaktanz ist kein Feind. Sie zeigt dir, dass dir Selbstbestimmung wichtig ist. Und das ist gut!
Die Frage ist nur:
Kämpfst du gerade für deine Freiheit – oder gegen deine eigenen Bedürfnisse?
Ein paar hilfreiche Gedanken:

  • Hilfe annehmen bedeutet nicht Schwäche.
  • Selbstbestimmung heißt auch, bewusst „Ja“ zu Unterstützung zu sagen.

Du darfst entscheiden, wann du kämpfst – und wann du es dir leichter machst.
Wirkliche Stärke zeigt sich nicht im Dauer-Widerstand.
Sondern darin, bewusst zu wählen.


Kleines FAQ zur Reaktanz

❓Was ist Reaktanz genau?
Reaktanz ist ein psychologischer Mechanismus. Er entsteht, wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Freiheit oder Selbstbestimmung eingeschränkt wird. Wir reagieren dann mit Widerstand – oft automatisch.


❓Ist es normal, im Rollstuhl Hilfe abzulehnen?
Ja, besonders am Anfang. Viele Menschen möchten sich selbst beweisen, dass sie noch selbstständig sind. Wichtig ist nur, langfristig einen gesunden Umgang damit zu finden.


❓Wie merke ich, dass meine Reaktanz mir schadet?
Wenn du regelmäßig erschöpft bist, Schmerzen ignorierst oder dich ständig beweisen musst, kann dein Widerstand mehr Kraft kosten als er dir gibt.


❓Wie finde ich eine gute Balance?
Indem du dir ehrlich diese Frage stellst:

„Handle ich gerade aus Stärke – oder aus Angst?“
Bewusst Hilfe anzunehmen kann genauso selbstbestimmt sein wie sie abzulehnen.


 
 
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