Ambivalente Gefühle bei Angehörigen – Wenn Liebe und Wut gleichzeitig im Raum stehen


Ambivalente Gefühle gehören für viele Angehörige von Rollstuhlfahrern zum Alltag. Zwischen Liebe und Wut, Fürsorge und Überforderung, Stolz und Trauer entsteht oft ein emotionales Spannungsfeld, über das kaum jemand offen spricht. Dabei sind diese widersprüchlichen Gefühle vollkommen normal – besonders in der Anfangsphase nach einem Unfall oder einer Erkrankung.


Liebe + Wut

Ja, das geht gleichzeitig.
Du liebst diesen Menschen.
Du würdest alles für ihn tun.
Und dann sitzt du abends da und denkst:
„Warum muss das alles so anstrengend sein?“
Willkommen in der Realität.
Liebe verschwindet nicht, nur weil du genervt bist.
Und Wut bedeutet nicht, dass du weniger liebst.
Manchmal richtet sich die Wut nicht einmal gegen die Person.
Sondern gegen:

  • die Situation
  • das Schicksal
  • die Bürokratie
  • den Aufzug, der schon wieder kaputt ist
  • oder gegen das eigene schlechte Gewissen

Ambivalenz heißt nicht, dass etwas falsch läuft.
Es heißt nur, dass dein Herz mehrere Gefühle gleichzeitig kann.


Fürsorge + Überforderung

„Ich mach das schon“ ist kein Superhelden-Satz.
Am Anfang übernimmt man viel.
Organisieren.
Planen.
Mitdenken.
Mitfühlen.
Und irgendwann merkt man:
Ich funktioniere nur noch.
Fürsorge ist wunderschön.
Aber wenn sie dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, wird sie schwer.
Überforderung bedeutet nicht, dass man versagt.
Sie bedeutet nur, dass man ein Mensch ist.


Stolz + Trauer

Der Moment, wenn er etwas schafft, das vor Monaten unmöglich schien.
Und du denkst: „Verdammt, ich bin so stolz auf dich.“
Und im gleichen Moment:
„Warum musste es überhaupt so weit kommen?“
Stolz auf Fortschritte.
Trauer um das Alte.
Beides darf da sein.
Beides ist ehrlich.
Trauer heißt nicht, dass man die Gegenwart ablehnt.
Es heißt nur, dass man eine Vergangenheit hatte.


Warum darüber so wenig gesprochen wird

Weil man glaubt, man müsse „stark“ sein.
Weil Wut tabuisiert wird.
Weil man Angst hat, undankbar zu wirken.
Und weil niemand beigebracht bekommt, dass widersprüchliche Gefühle normal sind.
Aber sie sind es.
Gerade in der Anfangsphase mit Rollstuhl verändert sich nicht nur Mobilität.
Es verändern sich Rollen, Erwartungen, Dynamiken.
Und das braucht Zeit.


Die wichtigste Erkenntnis

Ambivalenz ist kein Zeichen von Schwäche.
Sie ist ein Zeichen von Bindung.
Nur wer wirklich verbunden ist, fühlt gleichzeitig so viel.
Wenn du dich also schon einmal gefragt hast,
ob mit dir „etwas nicht stimmt“,
die Antwort lautet:
Nein.
Du bist einfach ein Mensch, der fühlt.
Und das ist ziemlich gesund.


Kleine FAQ zu ambivalenten Gefühlen bei Angehörigen

❓Ist es normal, gleichzeitig Liebe und Wut zu fühlen?
Ja. Absolut. Widersprüchliche Gefühle sind kein Beziehungsproblem, sondern ein Zeichen von innerer Verarbeitung. Gerade wenn sich durch einen Unfall oder eine Erkrankung viel verändert, reagieren Herz und Kopf nicht immer synchron. Das ist menschlich.

❓Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich überfordert bin?
Nein. Überforderung bedeutet nicht, dass du zu wenig liebst.
Sie bedeutet, dass du viel trägst.
Wer dauerhaft Verantwortung übernimmt, stößt irgendwann an Grenzen. Das ist kein moralisches Versagen, sondern ein Warnsignal des Körpers.

❓Warum spricht kaum jemand offen darüber?
Weil man stark wirken möchte.
Weil Wut tabuisiert wird.
Und weil viele denken: „Andere haben es schlimmer.“
Dabei entstehen genau durch das Schweigen unnötige Schuldgefühle. Ambivalenz wird nicht weniger, nur weil man sie verschweigt.



 
 
E-Mail
Instagram